AZT northbound

Die ersten Wandertage.
Am Nachmittag verlasse ich die Marina, gehe über die Brücke und mache mich auf dem Arizona Trail auf Richtung Norden. Wenn alles gut geht, erreiche ich den Grand Canyon nach ca. 700km und danach das nördliche Ende: die Grenze zu Utah.


Ich bin gespannt, wie es mir ergehen wird. Weitwandern ist für mich Routine. Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich die letzte Zeit so einiges verändert hat. Meine Kondition hat nachgelassen, ich bin ermüdbarer, meine Knie sind empfindlich geworden und ich neige vermehrt zu Missgeschicken. Es wird sich zeigen, wie sich diese Veränderungen auswirken werden.

Es ist ein schöner, abwechslungsreicher Einstieg. Während Phönix sich auf steigende Temperaturen vorbereitet und die Airconditioner angeworfen werden, ist es hier oben angenehme ca. 20°. Ich gehe durch eine vor Jahren abgebrannten Fläche, wo nur Kakteen, Gräser und Blumen blühen. Immer in Sicht sind die faszinierenden Riesen, die vielarmigen Saguaro Kakteen.
Mit zunehmender Höhe gewinnt vergrössert sich die Aussicht hinunter auf den Apache und den Roosvelt Lake. 

Am ersten Abend treffe ich erneut auf "Rainbow Dash", wir campen an demselben Bach. Ein Gespräch ergibt sich nicht, RD scheint zu jenen dünn gesäten Amerikanerinnen zu gehören, die nicht gesprächig sind.

Die nächsten zwei Tage war ich allein unterwegs, erst am Abend treffe ich auf " Musher", 35, Britin, in Alaska lebend, die sich über die Hitze beklagte. Sie laufe deshalb überwiegend nachts. Sie müsse noch Meilen  " machen" , sie bleibe stets in den Ortschaften hängen, lasse es sich gut gehen und werfe ihre Planung über den Haufen. Und weg war sie.

Auf den amerikanischen Weitwanderwegen spielt der soziale Aspekt eine wichtige Rolle, ganz besonders unter den Thru - Hikern ( Slang für jene, die den ganzen Weg von der Grenze zu Mexiko bis Utah an einem Stück laufen, ca 1200km) Ich gehöre in der Hierarchie zur 2. Kategorie, zur " Section- Hikerin". Mal sehen, ob und wie sich der Kontakt mit anderen Wandernden entwickelt.

Ich stelle das Zelt heute nicht auf, sondern bewundere den zunehmenden Mond und den Sternenhimmel. Um Mitternacht wecken mich Regentropfen, in Eile reisse ich das Zelt aus dem Rucksack, bis mir einfällt, dass mein neues Zelt weder freistehend noch auf diese Felsplatte passt und die Umgebung steinig und stachelig ist. Eine filmreife Szene. 
Der Regen hat in der Zwischenzeit aufgehört. Den Regenschutz griffbereit, lege ich mich wieder hin und erwache bei klarem Himmel. Glück gehabt.

Der nächste Thru Hiker ist ein Rotbart mit Namen " I Will". Er reagiert fassungslos, um nicht zu sagen ensetzt darauf, dass ich mir am Mittag ein Süppchen koche. Wie man bei dieser Hitze bloss essen könne und noch dazu etwas Heisses! Ich treffe ihn ein paar Stunden später wieder, die Mittagshitze ist vorbei und " I Will" in Plauderstimmung. Er sei müde, sei vor 17 Tagen an der mexikanischen Grenze gestartet und ohne Unterbruch gewandert (ca 700km) Er brauche eine Pause. Beim nächsten Aufeinandertreffen findet er, " Hot Stuff" ( !!) sei mein Trailname und kugelt sich vor Lachen. Ich habe ihn danach nicht mehr getroffen, es hat ihn ruhelos weitergezogen.

Zwischen den Begegnungen bin ich stundenlang alleine auf weiter Flur. Langsam gewöhnt sich mein Körper an das tägliche stundenlange Wandern und das einfache, primitive Leben auf einem Weitwanderweg. Im Kopf wird es ruhig, das Zeitgefühl verändert sich, die Distanzen sind irrelevant bzw. nur in Bezug auf Wasser, Übernachtungsmöglichkeit (Möglichkeit, Zelt aufzustellen) und Lebensmittelbesorgung von Bedeutung. Es wird innerlich ganz still und frei da draussen.



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